Ost-Timor Tag 5, 6, 7 – Feldforschung in Aileu

Merke: dein in Deutschland anerzogener Hang, halbwegs pünktlich zu sein bedeutet hier: „Du idiot, hättest auch noch ne Stunde länger pennen können!“
Wir sind um 7 verabredet, kurz vor 8 fahren wir los, denn heute geht es nach Aileu.
Aileu ist etwa zwei Stunden südlich von der Hauptstadt Dili in den Bergen und sowohl der Name des zweitkleinsten Distrikts in Osttimor als auch der dortigen Stadt die in dichter bevölkerten Orten der Welt kaum als Dorf durchgehen würde.
Unsere Mission? Nun, meine Firma baut ein digitales Bezahlsystem, das speziell für Gegenden konzipiert ist, in denen die Menschen keinen Zugang zum Bankensystem haben und eine Internetverbindung nicht ständig vorhanden ist. Zwar hat Osttimor mittlerweile eine sehr gute Mobilfunk- und Strom-Abdeckung aber Stromausfälle, Regen und so weiter garantieren, dass „ständige Internetverbindung“ ein eher schwieriges Thema ist.
Wir haben das Produkt in einem testbaren Zustand fertiggebaut und uns mit World Vision verpartnert, um gemeinsam ein solches Bezahlsystem für das ganze Land aufzubauen. Derzeit suchen wir nach Finanzierung für das Projekt, sowohl von lokalen Partnern als auch Hilfsorganisationen und vielleicht sogar dem Staat. Aber meine Aufgabe als Produktverantwortlicher ist es nicht, die Verhandlungen zu führen, sondern sicher zu stellen, dass das Projekt vor Ort dann auch verstanden und akzeptiert wird.
Wir haben unseren Prototypen mit einem gewissen Grundverständnis von Gesellschaften in Entwicklungsländern (zum Beispiel eine niedrige Alphabetisierungsrate, niedriger Technologisierungsgrad, schlechte gesundheitliche Versorgung die zum Beispiel zu Augenproblemen bei älteren Menschen führt oder auch dazu dass längst nicht alle, die eine Brille bräuchten, diese auch haben). Aber es ist eben unmöglich ein Produkt zu bauen, wenn man nicht weiss, wo man es zu erst einsetzen will. Wenn ich in Deutschland eine Geschäftsidee habe, dann sind solch Themen wie „Zielgruppe“ ziemlich klar abgrenzbar. Hier ist es halt „Alle Menschen die eigenes Geld haben“. Wenn ich in Deutschland meine Zielgruppe zum Beispiel auf „25-40 jährige Akademiker*innen“ eingegrenzt habe, dann suche ich mir davon einen Haufen zusammen und spreche mit ihnen über Dinge, die für mein Produkt relevant sind, zeige ihnen vielleicht Prototypen im frühen Stadium, beziehe sie im weiteren Verlauf der Entwicklung mit ein und schneidere schließlich ein Marketing-Konzept auf diese Leute zu.
Wir wussten aber nicht, ob unser erstes Projekt in Ost-Timor, auf den Fiji-Inseln oder in Flüchtlingslagern in der Südtürkei sein würde. Oder wo ganz anders. Und so blieben uns eben die Annahmen.
Und eine Reise um die halbe Welt, um jetzt wo wir – funding vorausgesetzt – einen Zielmarkt haben, das Produkt entsprechend anpassen zu können.
Von Dili aus geht es zuerst an den Stadtrand im Westen, wo gerade eine neue Brücke gebaut wird. Wir wissen es nicht genau, aber als 1999 die Indonesische Besatzungsmacht abzog, zerstörte sie so viel Infrastruktur wie ihr noch in die Hände fiel und es ist gut möglich, dass diese Brücke nun zu den „wiederaufbauten“ gehört.
Danach in die Berge. Auf einer Straße, die derzeit (ich weiß nicht wie lange) noch konstruiert wird. Mein Sonnenbverbrannter Rücken vom Sonntag wird zu einem minderschweren Problem, denn „Unbefestigte Straße“ bedeutet Schlaglöcher, riesige Pfützen und die Überquerung von Bächen und Flüssen. Selbst mit einem Allrad-Pickup alles andere als Spaß jedes Mal, wenn ich herumgeworfen werde.

Bild ist eigentlich von der Rückfahrt aber da ist nicht viel Unterschied

Wir passieren einen Wasserfall und mehrere Hütten von den Arbeitern, die quasi ohne schweres Gerät zunächst die Randbefestigung der Straße in Beton gießen.

Wasserfall

Es dauert alles viel zu lange und unser Plan, schon am Morgen mit Interviews zu beginnen schwindet dahin, aber schließlich kommen wir im Feldbüro von World Vision an, werden gebrieft und bekommen frittierte Bananen gereicht.
Inzwischen bin ich froh über alles Essen von Leuten, denen ich vertrauen kann. Die letzten Tage und ein paar Horrorstories über Gesundheit und Lebensmittelsicherheit haben mich ein wenig Paranoid gemacht. Drum bin ich ebenso froh dass wir unser Mittagessen die nächsten Tage von einem sozialen Projekt hier beziehen werden, die lauter jugendliche und junge Erwachsene ausbilden und gemeinsam genähte Dinge (Taschen und so) produzieren und verkaufen.
Wir lassen uns das Projekt von der Leiterin zeigen und es ist beeindruckend, wie sie und ihr Mann (beide Brasilianisch) das mehr oder weniger von null und alleine aufgezogen haben. An eine große Hilfsorganisation sind sie nicht angebunden und mittlerweile versuchen sie, komplett nachhaltig zu wirtschaften.
Wir checken im Hotel ein und fahren über noch mehr unbefestigte Straße und durch einen weiteren Fluss in ein Dorf namens Faheria, wo wir in einem kargen Raum unter Wellblechdach unser Büro für den Tag aufsetzen.

Unser „Bürogebäude“

Das Ziel: Einzelinterviews mit Menschen, die von der Subsistenzlandwirtschaft leben. So wollen wir herausfinden, wie wir Vertrauen in unser System schaffen können, angefangen beim Design der App bis hin zur Vermittlung ihrer Funktionen und dem „ins Boot holen“ der Bevölkerung. Wir beginnen mit einer Reihe von allgemeinen Fragen („Wie heisst du, wie alt bist du, was ist dein Beruf“), einige Fragen zu ihrem Umgang mit Geld („Was ist dein Einkommen, woher bekommst du Geld, für was gibst du Geld aus, für wen bist du finanziell verantwortlich, wem gibst du Geld, hast du ein Bankkonto, wofür nutzt du die Bank“) und schließlich einige Fragen zum Umgang mit Technologie („Was für Technik benutzt du regelmäßig, mit wem kommunizierst du mittels Technik?“)

Interviewsituation

Danach wollen wir den Proband*innen unsere App zum Erforschen in die Hand geben und schließlich herausfinden, wie schwierig es für sie ist, das Konzept von „Smartcard an ein Smartphone halten und damit bezahlen“ zu begreifen.
Das ist alles nicht sonderlich einfach und fängt damit an, dass die Leute hier Tetum sprechen, also eine der Nationalsprachen, und wir alles mittels Übersetzer machen müssen, dessen Englischkenntnisse lediglich „ausreichend“ sind. (Die App hatten wir vorher in Tetum lokalisiert aber auch das war mangels Erfahrung des Übersetzers ein bisschen holprig)
Aber auch die Fragerei selbst kommt so an ihre Grenzen. Unser Eindruck ist, dass es eben ein kulturelles Verständnis für „Marktforschung“ und „Interviews“ geben muss, um sich auf eine solche Situation richtig einzulassen. Die Fragen nach den Lebensumständen lassen sich nur durch zigmaliges Nachfragen befriedigend beantworten („Mit wem lebst du?“ – „Mit meinem Mann“ – „Und habt ihr Kinder?“ – „Ja vier“ – „Ok wie alt sind sie?“ – „3,6 8 und 9“ – „Und wer lebst sonst noch in deinem Haus?“ – „Meine Eltern“ – „Hast du Geschwister?“ – „Ja drei“ – „Und leben die auch noch hier?“ – „Ja die leben auch in unserem Haus“ – „Und haben die Kinder?“…), die Fragen zur Technik scheitern Mangels Verständnis, was ein Smartphone eigentlich ist. Und so fragen wir etwa konkret, ob sie Facebook auf ihrem Telefon nutzen können.
Facebook wiederum hat auch diesen Teil der Welt erwischt. Angeblich 400.000 aktive User bei 1.2 Mio Bevölkerung.
Die Interviews laufen gut. Viel Input, wir stellen fest, dass unsere grundsätzliche Funktionalität nicht in Frage gestellt wird, sehr wohl aber Design-Entscheidungen im Detail und das vor allem implizit, denn für „Warum ist X so und so“ ist man natürlich viel zu weit Weg davon, überhaupt ein Verständnis für den Begriff „Design“ zu haben.
Nebenbei bemerkt: Ja, es ist alles ungefähr genau so wie man es sich auf den Bildern vorstellt. Wir müssen zwischendurch unseren Proviant davor bewahren dass eine Ratte dran knabbert und irgendwann kommt ein Huhn zur Tür reingesprungen.
Eine der Pausen nutzen wir, um frische Mango vom Baum zu pflücken und was soll ich sagen, ich hatte ja schon das, was ich 2014 in Vietnam essen durfte, für das Ende der Fahnenstange gehalten und muss feststellen, dass ich da falsch lag. Zwischen dieser Mango und denen, die es in Deutschland gibt, das kann man nicht mehr „Unterschied“ nennen, das sind zwei verschiedene Welten.

Keine Mango aber hier wächst eine Ananas heran

Zurück zur Arbeit: sechs Interviews an einem Tag sind genug, auch für Jaime unseren Übersetzer und zudem droht Regen und damit Springflut an dem Fluss den wir noch überqueren müssen.

Also zurück ins Hotel, das von einem Chinesen betrieben wird. Ich kann ja viel nachvollziehen hier. Zum Beispiel dass es keine Klimaanlage gibt, oder dass generell alles etwas spartanisch ist (wenn auch gleich in diesem Billig-Luxus-Chic mit gold-bemaltem Plastik). Aber warum die Bettdecke so dick sein muss, dass sie mir selbst in Hamburg zu warm wäre? Wir sind zwar auf 950 Metern, aber…
Immerhin habe ich mit Insektenspray mein Zimmer halbwegs totgekriegt und so lege ich mich nach Abendessen und „Erste Eindrücke an die Kolleg*innen schicken“ ins Bett, nur um von Hundegebell und anderem Lärm wachgehalten zu werden.

Die Nacht ist unruhig weil nicht gerade leise. Wir schlafen zur Hauptstraße hinaus und am nächsten Morgen ist Markt, der mit viel Geschrei beginnt.
Den besuchen wir dann auch nach dem Frühstück um uns anzusehen, wie viele kleine Subsistenzfarmer*innen Gemüse und Obst verkaufen.

Markttag

Manchmal auch Tabak oder Betelnuss, das hier zusammen mit Löschkalk und Senf gekaut wird.

Tabakhändler
Betelnuss-Käuferin

Der Kalk verursacht kleine Wunden im Mund, so dass die Betelnuss besser in die Blutbahn gelangt. Die Droge wirkt leicht euphorisierend sowie betäubend und hilft wohl auch gegen den Hunger. Ausserdem macht sie einen äußerst roten Mund, als ob die Leute einen Lippenstift zerkaut hätten.

Überall auf dem Boden findet man rote Flecken wo das Zeug wieder ausgespuckt wurde.
Tabak wird hier in großen Mengen verkauft, hier und da lebende Tiere (Ziegen und Hühner) und im Inneren des Marketes gibt es Klamotten, die sehr stark nach Kleiderspende aussehen.
Wir schauen uns um, beobachten und fotografieren ein bisschen, die meisten Leute hier freuen sich total, von mir abgelichtet zu werden

und eine Frau fragt nach einem Ausdruck, den ich mangels Zeit leider nicht erstellen kann.
Dann geht es weiter zum nächsten Projekt, auch hier wieder Interviews. Nach einiger Zeit kommen wir zum Schluss, dass nicht mehr viel Erkenntnis gewonnen werden kann. Die Sprachbarriere ist zu hoch, um wirklich tief einzusteigen, oft haben wir das Gefühl, trotz Bitten um Ehrlichkeit nur gesagt zu bekommen, was wir vermeintlich hören wollen und so stellen wir zum Schluss die Interviewsituation noch einmal um und experimentieren mit einem Gruppenszenario. Das hat immerhin zur Folge dass ein alter Mann, ziemlich offensichtlich Kriegsveteran, die ganze Zeit nur fragt, wie wir Raub und Diebstahl verhindern wollen. Er hat wohl einiges mitgemacht.
Der Abend klingt in oben benanntem Projekt aus, beziehungsweise beim Brasilianischen Ehepaar, das das Projekt leitet. Großes Abendessen bei sehr überzeugten Christen zuhause, ein bisschen Diskussion über Religion (ich werde für meinen Atheismus eher bemitleidet) und Tischgebet inklusive. Ist aber alles nett und das Essen ist direkt aus dem Garten und dementsprechend sensationell lecker. Auch die Aussicht von hier ist toll.


Wirklich kurios wird es, als wir zurück kommen. Das Hotel ist im Obergeschoss (siehe Bild), zu dem eine Treppe führt. Die Tür an der Straße ist aber abgeschlossen. Als wir ankommen, guckt ein Mensch (der Betreiber?) aus dem Holzverschlag über der Tür, klettert die Leiter hinunter und balanciert über die Mauer. Springt auf die Treppe, öffnet die Tür von innen und entschwindet über die Leiter in sein Kabuff.

Unser Hotel.

Der nächste Tag ist fast Ereignisarm. Noch zwei Interviews, eine kurze Flußüberquerung auf dem Weg dorthin udn dann kurz Mittagessen bei den Brasilianern und schleunigst zurück nach Dili. Die Straße ist noch matschiger als auf dem Hinweg, aber immerhin haben wir die andere Route nicht genommen, dort stecken mehrere Wagen nach Erdrutsch fest.

Nochmals Flußüberquerung

In Dili dann ein Meeting beim UN-Entwicklungsprojekt, in dem wir gleich ein paar Ergebnisse vorstellen dürfen. Danach: Hotel, ausruhen, früh ins Bett. Ich bin geschafft.

Ost-Timor Tag 3 und 4

Auf Malaria haben sie mich vorbereitet, auf Dengue. Auf Parasiten, die Durchfall verursachen, Lebensmittelsicherheit, gegen Tollwut und Hepatitis geimpft.
Und dann schnorchele ich für zwei Stunden und verbrenne mir den Rücken, dass ein Hummer neidisch würde.
Kaum zwei Stunden Schlaf, wegen des tollen Kaffees gestern. Nach längerem hin und her entscheide ich, zum Pier zu gehen, und die Fähre nach Atauro zu nehmen, einer Ost-Timor vorgelagerten Insel.

Atauro

 

Atauro

Der einzige andere Weiße auf der Fähre? Ein Deutscher, der für die GIZ arbeitet und hier zwei Wochen auf Besuch ist. Wir unterhalten uns über die Gesamtsituation und ich erfahre neben vieler anderer Dinge, dass hier im Hafen gerade drei chinesische Schiffe liegen, die beschlagnahmt wurden, nachdem Sea Shepherd sie der Wilderei überführen konnte. 10km lange Schleppnetze (legal sind 2.5km), Haifang, Schildkröten, schlimm. Die philippinische Besatzung harrt seit drei Monaten auf den Schiffen aus, kein Geld um heimzukommen und ohnehin unklar, ob sie angeklagt wird, die Kapitäne sind angeblich hinter Gittern. Die Hostelbetreiberin erzählt mir später, dass die Leute sehr wussten, was sie da tun, auch die einfache Crew, und deshalb keinerlei Mitleid verdient haben. Wer mehr dazu lesen will: hier.

Wir haben nur knappe fünf Stunden in Atauro und es ist Sonntag, also kein Fischerboot, das uns herumfahren kann. Also direkt am Pier schnorcheln, was fantastisch genug ist.
Für mich ist es ja das erste Mal überhaupt, dass ich schnorchle. Und schon bevor wir überhaupt ins Wasser gehen die erste Entdeckung: eine Seeschlange, zu Deutsch „Nattern-Plattschwanz„, Baby-Edition einen Meter vom Ufer entfernt. GoPro ins Wasser gehalten und gefilmt, immer schön vorsichtig, denn die Viecher sind äußerst giftig. Am Ende hat das Tier aber mehr Angst vor uns als umgekehrt und gräbt sich in ein Loch im Boden.

Nattern-Plattschwanz

Die nächsten zwei Stunden hole ich mir den ausgiebigsten Sonnenbrand meines Lebens, während ich Korallen in allen Formen und Farben erforsche.

Korallen

Es ist wundervoll und vielleicht will ich doch irgendwann nochmal einen Tauchschein machen. „Du denkst hier sei es Toll? Geh mal dort rüber“ ruft mir eine Australierin vom nahe gelegenen Pier zu, und dort ist es tatsächlich noch einmal spektakulärer. Ich begegne drei Clownfischen, kein Nemo sondern ein „Orange Fin Anemonefish“, süße kleine Dinger die es wirklich überhaupt nicht einsehen, dass ich in ihrem Revier herumschwimme.

 

Und während ich mich noch wundere, warum die Tiere nicht scheu sind, beißt mich eines davon schon in den Finger.
Zum Mittagessen zurück zum „Dive Resort“, einer kleinen Hüttenansammlung wo sich zwei Dutzend Tourist*innen tummeln, danach kommt die Flut herein und das Wasser ist zu trübe, um noch einmal raus zu gehen. Schade, denn nun scheint auch die Sonne, was die Sicht natürlich noch einmal deutlich verbessern würde!
Im Nachhinein bin ich natürlich darüber heilfroh, sonst hätte ich vermutlich den Tag mit Verbrennungen zweiten Grades beendet.
Der Deutsche Begleiter und ich trinken zwei Bier und unterhalten uns, schließlich warten wir eine dreiviertelstunde auf die Fähre („Die Fähre geht um drei aber seid um zwei da weil manchmal fährt sie einfach unangekündigt früher los!“). Der Seegang ist stark aber irgendwann landen wir wieder in Dili an, wo wir in kleinen Nussschalen an Land gebracht werden.
Der Sonnenbrand ist inzwischen wirklich schlimm, aber dem Rat der Rezeptionistin, in die Klinik zu fahren, will ich dann doch nicht folgen. Im Backpacker-Hostel ist die Antwort einfacher, ein netter Schotte der hier schon lange lebt, führt mich zu einer Aloe-Pflanze ums Eck. Das hilft ein bisschen, zusätzlich kaufe ich im Supermarkt Kokosöl. Insgesamt hat man aber viel Mitleid mit mir und schließlich legt mir Kym, die Australische Betreiberin, ein eiskaltes Handtuch um die Schultern.
Um zehn nach Hause, dort das nasse Handtuch noch zwei Mal in die Gefriertruhe geworfen und eine wirklich unruhige und schmerzhafte Nacht.

Der Montag wäre fast ereignislos verlaufen, hätte ich während zwei Meetings eine entzündete Wunde an der Ferse entdeckt, deren Herkunft unklar ist. „Kann alles sein, aufpassen vor Parasiten und Korallen-Schnitten“, also doch in die Klinik. Die hat der Malteser-Orden erst kürzlich eröffnet und das Geschäftsmodell sagt mir durchaus zu: Konsultation für Ausländer 50 Dollar, für Timores*innen kostenlos.
Sieht alles nicht allzu schlimm aus, man drückt mir Paracetamol in die Hand und desinfiziert die Wunde mit Jod. Danach ein Meeting im Hotel nebenan und Einkaufen für morgen.
Es ist nämlich so: Wir wissen nicht genau, wie die Nahrungssituation im Feld so aussieht. Wie ist es mit Frühstück? Mittagessen? Abend? Also kaufen wir, was man eben so mitnehmen kann in einem Land wo es warm und feucht ist und Kühlschränke zum absoluten Luxus gehören: Kekse, Chips, abgepacktes Brot, Erdnussbutter, Cracker, H-Milch und Cornflakes. Mein Blutzuckerspiegel tanzt vor Freude.
Weil die Schmerzen in der Ferse nicht besser werden, fahre ich zur Apotheke. Denen ist die Jodsalbe ausgegangen, aber sie haben noch einen Mix aus Cortison und Antibiotika im Angebot. Nach kurzer Rücksprache mit einem alten Schulfreund/Jetzt Arzt nehme ich das.

Rest des Abends: Pommes, weil ich mir mit all dem anderen Scheiss nicht auch noch den Magen gefährden will, Packen, Bett. 7 Uhr abfahrt ins Feld.

 

(P.S: Das Leben der Menschen hier, die Politik, alles, verdient einen ganz eigenen Eintrag, an dem ich parallel etwas schreibe.)

Ost-Timor Tag 1 und 2

Reisen kann anstrengend sein. Das merkt man dann irgendwann, wenn man glaubt, sich haufenweise Parmesan auf die Pasta geladen zu haben, um dann festzustellen, dass es sich dabei um Salz handelt.
Aber von vorn: Ich habe nur knapp sechs Stunden Schlaf, springe aus dem Bett und komme gerade aus der Dusche als der Hotelmensch klopft. Fahrer ist da! Ich beeile mich beim packen, eile zur Rezeption, bezahle Zimmer und Taxi und springe in letzteres. Der Hotelmensch kommt hinterher gehechtet, wo denn eigentlich mein Schlüssel sei? Hektisches Suchen, ich packe meinen dicht gestopften Rucksack um, nix. Dann Entwarnung, war doch in meinem Zimmer.
Auf zum Flughafen, ist ja noch genug Zeit, nicht zuletzt, weil ich ja schon online eingecheckt habe. Das wiederum hilft nicht allzu viel, denn mein Online-Ticket gefällt der Security nicht und ich muss zum Schalter, um mir eines ausdrucken zu lassen.
Überhaupt ist die Bürokratie, oder Security, hier höher als im Mutterland der Paranoia (ich meine das Land in dem ein Orang-Utan regiert, hier leben die ja nur). Hier werden dir Feuerzeuge abgenommen, beim Flug nach Australien auch wirklich jedes Handgepäckstück nochmal extra durchsucht und sogar die im Sicherheitsbereich gekauften Wasserflaschen weggenommen und irgendwie fühlt sich vor allem morgens um halb 8 alles übertrieben an.
Irgendwann sitze ich im Flieger und schlafe so halb ein, als ich von meinem Sitznachbar geweckt werde, denn es wird ja Essen serviert. Kann man sowas noch als „andere Länder andere Sitten“? Ich bin auf jeden Fall etwas fassungslos, wegen Airline-Essen geweckt worden zu sein.
Der Landeanflug auf Dili ist wunderschön und das Wetter ebenso. Wie sich später herausstellt, gab es kürzlich südlich von Ost-Timor einen Zyklon, der den ganzen Regen weggesaugt hat. Vom Flugzeug aus sieht man aber auch, wie riesige Flüsse das Land zerpflügen.

Landeanflug auf Dili
Landeanflug auf Dili
Landeanflug auf Dili, man beachte die durch die Regenzeit gewachsenen Flüsse.

Ich werde vom WorldVision-Fahrer abgeholt, wir fahren ins Hotel, danach kurz was essen (Frittiertes Hühnchen mit lauwarmem Gemüse was irgendwas aus einem Teil der Bananenstaude ist und so ein bisschen die Konsistenz von Artischockenherz hat), danach ins Büro, Sicherheitsbelehrung. Nachts nach Acht nicht durch die Straßen laufen, schön vor Malaria und Dengue vorbeugen und kein Leitungswasser trinken.
Kurz ins Hotel, Reisepass geholt, damit Sim-Karte gekauft und zum ersten Mal richtig Internet an diesem Tag. Nochmal ein Meeting, dann Freizeit.
Ich möchte herausfinden, was ich denn an meinem freien Wochenende so tun kann und gehe um die Ecke zu einem der wenigen Backpacker-Hostels hier. Das wird von einer Australierin betrieben, die seit 1999 hier ist, wo sie als Beobachterin für das Unabhängigkeitsreferendum eingesetzt war.
Ein kurzer Exkurs in die Geschichte des Landes folgt in den nächsten Tagen, das ist ein ganz eigener Post.

Wir unterhalten uns etwa zwei Stunden, während wir Popcorn mampfen und Wasser trinken. Über die Geschichte, über
die Gegenwart, über die Zukunft, Tourismus, Wirtschaft und Politik.
Was ich am Wochenende machen kann? Alles ist unfassbar teuer. Und ich meine nicht „für Südostasien-Verhältnisse“, sondern ich meine „teilweise selbst für Deutschland“.

Indonesisches Bier, 0.33 in der Bar: 4 Dollar.

Hotel: 70 Dollar für etwas, das in Deutschland nicht als Absteige durchgehen würde.

Zweitagestrip auf den höchsten Berg des Landes mit Übernachtung und so? 450 Dollar. (Gut, da könnte man sich den großteil Teilen aber dazu bräuchte man Leute die da Bock drauf haben).
Weitere Preise: Motorrad mieten pro Tag 25 Dollar, Pizza 15 Dollar, Fähre zur Insel 15 Dollar, lokales Essen preiswert aber davon ist aus gesundheitlichen Gründen (komische Parasiten, die Durchfall verursachen) größtenteils abzuraten, wobei ich inzwischen einen Laden weiß, der wohl ganz ok ist.
Plan also: Ausschlafen, zum Strand, rumhängen, nixtun und am Sonntag auf eine nahe gelegene Insel. Die Fähre braucht etwa anderthalb Stunden.

Dann kurz zum Laden, Wasser kaufen und meinen Kontakt hier treffen, der für seine Freundin eine Abschiedsparty organisiert hat. Die wiederum fliegt morgen zurück, obwohl sie eigentlich Montag wollte. Aber ihr Reisepass wurde samt Handtasche geraubt und Indonesien akzeptiert keine vorläufigen Pässe (siehe oben, die haben’s mit der strengen Bürokratie). Also muss sie über Singapur fliegen und der Flug geht nur zwei Mal die Woche.
Wir treffen uns in einer Dachbar am örtlichen Einkaufszentrum, da ist Happy Hour und die halbe Expat-Community ist am Start. Und so begegnet man unter anderem dem anderen Betreiber eines der wenigen örtlichen Hostels, oder auch dem brasilianischen Botschafter.
Wir trinken Bier, unterhalten uns, und irgendwann gehen wir Essen. Eigentlich wollte ich in Asien ja kein westliches Essen zu mir nehmen aber hier ist das alles andere als einfach, zumal jetzt schon alles zu hat und die Expats Pizza wollen. Also zur „Osteria Italiana“ (wie soll man so einen Laden hier auch sonst nennen) und Essen bestellen. Die Osteria ist ein wenig überfordert, meine Pizza kommt nicht oder wurde von jemand anderem in Anspruch genommen, das wird zu spät bemerkt, dann ist der Teig schon alle. Also kriege ich Spaghetti und den Rest der Geschichte habe ich als Einleitung geschrieben.
Das wiederum ist ein gutes Zeichen für mich, ins Bett zu gehen.

Der nächste Tag beginnt langsam. Ich werde zweimal von der Dame geweckt, die mein Zimmer putzen möchte, stehe schließlich um 14 Uhr auf und laufe zu einem Café um die Ecke, das – und ich meine das ernst – den besten Kaffee der Welt serviert. Die Qualität ist trotz einer Kaffeemaschine, die nur Mittelmaß ist, mindestens genauso gut wie die hippen Läden in Berlin oder Hamburg, eher besser. Der Wahnsinn. Ich mache mir fortan Gedanken, wie viel Kilo ich wohl irgendwo noch in Gepäck und Hosentaschen unterbringen kann.
Im Café lerne ich Robert kennen, ein Australier, der früher mal Journalist war und seit einigen Jahren hier seinen Ruhestand verbringt. Faszinierender Kerl. War im Vietnamkrieg (vier Wochen auf „intelligence Gathering mission“), war 1989 als Reporter beim Tiananmen-Massakker, hat danach Discotheken betrieben und als Bush-Taxi-Fahrer gearbeitet, während er lokale Politiker beraten hat. Schließlich kam er als Policy Advisor für eine Ministerin nach Osttimor und blieb dort.
Wir unterhalten uns mehrere Stunden über alles, vor allem die Situation des Landes, gehen dann beim Indonesier essen und hängen dort schließlich herum, als es anfängt zu sintflutartig zu Regnen. Roberts Timoresische Tochter entscheidet schließlich durch den Regen zum Backpacker-Hostel von gestern zu rennen und uns Regenjacken zu holen, und so landen wir schließlich auch dort.

Robert und ich.

Schließlich bleibe ich dort den ganzen Abend, nachdem ein italienischer Gast für alle Pasta gekocht hat und der Regen vier Stunden lang auf vollen Touren läuft. Nette Gruppe hier, eine Mischung aus Reisenden, freiwilligen und hier lebenden Expats, ein Israeli, ein paar Australierinnen, ein Schotte, zwei Italiener…
Dank Regen ist damit auch mein Plan, zum Sonnenuntergang auf den Berg mit der Christusstatue zu wandern und ein bisschen am Strand abzuhängen erstmal abgesagt. Mach ich aber noch.
Nett aber auch nicht allzu berichtenswert. Und damit gehe ich dann früh ins Bett, denn morgen heißt es, um 6:30 Uhr aufzustehen und zur Fähre.

Mehr Fotos gibt es nicht. Ich habe mich nur maximal von zwei Blocks von meinem Hotel weg bewegt und hier ist es eher trostlos.

Die Gegend vor meinem Hotel

Immerhin war ich als großer weißer Mann faszinierend genug für einen Timoresen, der ein Selfie mit mir wollte.

44 Stunden Bali

Bali, keine Fotos (Nein, wirklich. Ich hatte zwar die Kamera dabei aber bis auf das Essen, das nicht ausreichend zeigenswert ist, habe ich nichts fotografiert, was diesen Post irgendwie schöner machen würde. )

Viel gesehen habe ich nicht, war ja auch nur knappe 44 Stunden da.

Der Flug geht spät los, es gewittert in Don Mueang, dem Airport der früher mal Bangkoks-Hauptflughafen war. Dann wurde Suvnarnabhumi aufgemacht und übernahm das Kürzel BKK. Nach einem Jahr wurde Don Mueang dann renoviert und als DMK wieder aufgemacht. Der Flughafen ist trotzdem noch uralt und man sieht ihm den Mief vieler Jahrzehnte an. Einer der ältesten Flughäfen der Welt, mief an allen Ecken.

Gewitter, das ist neu in Thailand, zumindest im Januar. Dass es neuerdings in der Trockenzeit regnet (und im Süden auch überflutungen gibt wie letztes Jahr) kann man getrost auf den Klimawandel zurückführen. Tja.

Um zum Flughafen zu kommen bin ich um 3:30 aufgestanden, nach knappen vier Stunden schlaf. Dank verpenntem Früh-Einchecken habe ich den Gangplatz, da kann ich schlechter schlafen aber so eine gute Stunde krieg ich hin. Wir landen um 2 in Bali und ich werde erstmal vom Grenzbeamten ermahnt, was mein Reisepass denn so ranzig sei also wenn der noch ein bisschen mehr zerfleddert dann komm ich aber nicht nochmal ins Land. Nun gut.

Auf dem Weg zum Taxistand ist es fast unmöglich, ohne Nahkampferfahrung oder zumindest guten Neinsagefähigkeiten auszukommen. Ich werde mit „offiziellen“ Preistabellen bequatscht, die sich als „50% teurer als die echten“ herausstellen und handle schließlich einen Fahrer auf einen okayen Preis herunter.

Ich wundere mich zuerst über die Aggressivität der Taxileute, aber es stellt sich schnell raus, warum: alles ist verwaist. Klar, Regenzeit. Aber auch der so vor sich hin schnarchende Vulkan Mt. Agung hat seinen Anteil, die Leute in der Tourismusbranche (also so ziemlich 100% der Wirtschaft hier) hatten von ende Oktober bis mitte Dezember so gut wie gar kein Einkommen, weil die Touristen alle angst hatten, dank Aschewolke nicht nach Hause zu kommen und ihre Urlaube storniert haben. (Tatsächlich war auch der Airport für ein paar Tage gesperrt aber danach lief alles wieder rund, aber die Angst der Leute sitzt wohl etwas tiefer).

Ich checke im netten aber trotz entsprechender Empfehlung auf booking.com eher spärlich mit WLAN ausgestatteten Hotel ein und geh erstmal an den Strand. Der ist nicht wirklich schön (schön wirds ein paar kilometer weiter aber da war ich nicht), dafür aber mit warmem Wasser ausgestattet. Quasi jeder Abschnitt gehört zu einem anderen mittel- bis Oberklasse-Hotel, was das „Sachen ablegen ohne dass sie geklaut werden“ wenigstens einfach macht.

Inklusive einem okayen Abendessen (Fotos war’s dann doch nicht wert) mit fürchterlichem Cocktail und Arbeit bis nachts um halb 3 war’s das an diesem Tag.

Donnerstag: 9:45 aufstehen. Duschen, Nasi Goreng zum Frühstück, irgendwie was unternehmen. Ich laufe erst zur Straße und will mir einen Fahrer suchen, dann fällt mir ein, dass ich ja eigentlich auch einen Roller mieten könnte. Mache ich dann auch, und ab geht’s richtung Ubud.

Ich hatte irgendwie schonmal geilere Ideen im Leben, denn das sind zwei Stunden und es regnet wie aus Kübeln. Besonders auf der Mautbrücke quer über die Bucht stürmt es so, dass ich vor lauter Blinzeln fast nix mehr sehen kann. Unschön. Ein paar Kilometer weiter stelle ich mich mal unter, bringt aber alles nix, und als ich in Ubud endlich ankomme, bin ich auch schon fast wieder trocken.

Die Stadt ist so touristisch wie es nur sein kann, aber sehr hübsch, in den Bergen gelegen und überall Tempel, wirklich alte Anlagen, zum Teil möchte man kotzen vor idylligkeit. Es ist mittlerweile halb 3 und ich habe noch nichts gegessen. Das mache ich dann bei Ibu Oka, berühmt aus dem Fernsehen (Anthony Bourdain, angeblich) und von meinem lieblings-asien-foodblog Eating Asia.

Und was soll ich sagen: Babi Guling, also Spanferkel nach lokaler Art, in Perfektion. Dazu eine riesige Kokosnuss deren Wasser ich schlürfe.

Danach übe ich mich im Verfahren. Also genauer gesagt bin ich zu doof auf die Karte zu gucken und fahre nach verpasster Ausfahrt 20 Minuten weiter nach Norden. Ist zwar nett, so durch Reisfelder, aber den „hier kannst du bequem durch Reisfelder wandern das machen alle so und am Ende gibt’s ne tolle Aussicht“-Weg verpeile ich. Und auf dem Rückweg gleich wieder.

Und damit ist es auch schon spät genug und ich düse wieder Richtung Süden.

Es fängt an heftig zu regnen, aber was soll’s. Auf der Mautbrücke angekommen, hänge ich erstmal fest, weil Bar kann man nicht bezahlen. Auf dem Hinweg hat mir jemand seine Chipkarte geliehen und ich ihm dafür Geld bezahlt, aber nun kommt gerade keiner. Ein Mautwärter geht raus und sagt er könne kein Geld annehmen, ich müsse mich selbst drum kümmern, da kommt dann doch jemand und der bezahlt für mich, will auch absolut keine Kohle von mir. Ich bin ehrlich gesagt etwas baff, denn reiche Menschen fahren hier eher nicht mit dem Motorrad (schon gar nicht durch den strömenden Regen) und 5000 Rupien (30 cent) sind zwar für mich nicht viel, aber wie oben erwähnt, hier herrscht eigentlich krasse Armut.

Irgendwann wird der Regen wirklich zu krass und ich stelle mich unter, unterhalte mich mit einem sehr netten Taxifahrer aus Ubud, der gerade privat unterwegs ist und befreunde ihn auf Facebook „falls ich nochmal in Bali bin und einen Fahrer brauche“ und ziehe schließlich weiter.

Reichlich durchnässt zuhause, duschen, umziehen, Abendessen. Danach noch eine halbe Stunde Massage, der Rücken hat auf dem Moped etwas gelitten, ein bisschen Arbeit und Bett. Morgen dann: Osttimor.

4 Tage Bangkok

Wieder einmal muss ich feststellen: Sightseeing ist im Großen und Ganzen nichts für mich. Und so fand ich es auch in Bangkok viel spannender, Seitenstraßen entlang zu laufen, oder Reisende im zentralen Bahnhof zu fotografieren, als den Touristenströmen zu folgen.
Vier Tage Bangkok und ich habe nicht einmal einen Bruchteil gesehen. Mit Verspätung komme ich an, der Fahrer bescheißt mich erstmal um 300 Baht und als ich bei meinem Gastgeber eingecheckt und geduscht habe, ist es schon späterer Nachmittag. Das Tolle: Ich habe eine Unterkunft in einem luxuriösen Apartmentkomplex direkt am Chaopraya River. Mit eigener Fähre, die halbstündlich den Fluss zur Skytrain-Station überquert, mit drei Pools und zwei Fitnessräumen.

Aussicht vom Appartment

Erste Station: Baan Pad Thai. Wer zufällig in der Nähe sein sollte, dem sei eine dringende Empfehlung ausgesprochen, denn das Krebs-Pad Thai ist vorzüglich, der Klebreis mit Mango ebenfalls. Im Laufe der nächsten Tage werde ich hier auch noch Wasserkastanien mit geräuchertem Kokossirup auf rasiertem Eis (wie zur Hölle übersetzt man „Shaved Ice“ richtig?) essen, auch das ist super.

Pad Thai mit Krebs
Rindfleischstreifen mit leicht scharfem Dip
Klebreis mit Mango
Wasserkastanien mit geräuchertem Kokossirup auf Eis

Danach geht’s an einem Hindu-Tempel vorbei, bei dem ich vor allem damit beschäftigt bin, während der laufenden Zeremonie nicht im Weg zu stehen und den Gläubigen gegenüber Respektvoll zu sein. Menschen legen Bananen und andere Dinge auf Schalen, bringen sie nach und nach zu einem Priester, der wischt sie schwungvoll in einen großen Korb. Ernste Frage, weil ich dort niemandem selbige stellen wollte (und mangels Sprachkenntnis auch konnte, wo kommen die ganzen Opfergaben hin? Verrotten die im Tempel und werden dann entsorgt? Religionen verwirren mich.

Als nächstes unterschätze ich einfach mal massiv die Größe dieser Stadt. Ich habe nämlich mein Deo vergessen und weil ich eines aus Naturprodukten will, mache ich tatsächlich einen Lush aus, sieht auch recht kurz auf der Karte aus und ich bin ca 90 Minuten zu Fuß unterwegs. Auf dem Rückweg dann Skytrain. Werbung für konzentrierte Hühnerbrühe, die Energie geben soll, Werbung für Winter-Wunderland im Harry Potter Style bei der Mall in der ich gerade war, Werbung für Deutschland. Eine siebentägige Tour durch Highlights wie Limburg, Wuppertal und Bad Oeynhausen. Ich staune.
Abends: Der eine Pool des Apartment-Komplexes ist ein Infinity-Pool mit Flussblick. Hier kann ich’s aushalten. Danach früh ins Bett weil massive Übermüdung.

Infinity Pool vor Fluss vor Stadt bei Nacht

Tag 2: Besagtes Sightseeing. Ich gehe in einen Park, in dem Echsen herumlaufen sollen. Die finde ich dann auch und staune ob der Größe, als ein älterer Mann vorbei kommt und sagt „Is baby. Big one over there!“. Ja, und da sind dann auch große, und vor allem fette Warane, die mich auf etwa zwei Meter heran lassen bevor sie sich in den See zurückziehen.


Weiter zum zentralen Bahnhof. Im Internet weit und breit empfohlen als tollen Ort für Fotografie. Und so ist es tatsächlich. Das Licht ist fantastisch und Menschen, die auf Reisen sind, sind auch stets ein tolles Subjekt.

Reisender Mönch

Von hier aus ist es nicht weit nach Chinatown und dort soll ein toller Streetfood-Wagen mit Michelin-Empfehlung sein. Ist er aber nicht, zumindest nicht um diese Uhrzeit. Dafür entdecke ich einen anderen Laden mit längerer Schlange von Locals, und ja, der ist auch gut. Suppe mit verschiedenem Schweinefleisch und gerollten Nudeln sowie Schweinerippchen in Curry.

Gerollte Nudeln mit allerlei vom Schwein
Schweinerippen

Danach: Eine goldene Statue und der Königspalast. Dürfen sich gerne andere Menschen für begeistern.

Budda aus Massivgold
Lustige Wache am Königspalast die nix sieht

Mit dem Boot zurück ins Apartment, Sonnenuntergang im Pool.

Sonnenuntergang im Pool

Danach: Nahm. Ich hatte vor, mir etwas besonderes zu gönnen und dieses Restaurant ist in den „Asia’s 50 best Restuarants“ ganz vorne mit dabei als bestes Thai-Restaurant. Einen Michelin-Stern hat es auch. Das Zehn-Gänge-Menü (eigentlich drei Gänge aber dann jeweils verschiedene Speisen) kostet 60 Euro, das ist eigentlich ziemlich in Ordnung. Ich jammere hier auf hohem Niveau, aber leider kann mich das Restaurant nicht von den Socken hauen. Es ist „Okay“. Gutes Essen, aber eben nicht „oh mein Gott was ist das, das ist ja der Wahnsinn“.
Ich würde ja jetzt gerne einzeln berichten, aber nicht alle Gerichte stehen auf der Karte und die Bedienungen sprechen nicht ausreichend gutes Englisch, als dass man jede einzelne Beschreibung zu hundert Prozent verstehen könnte. Hier aber ein Versuch mit Punktebewertung:

Vorspeisen: Sensationell!

Amuse-Bouche: Ananas-Stücke mit Tamarinden-Irgendwas. 7,5/10

Knuspriges Eiernetz mit Garnelen, Wilden Mandeln und Kaffirlimette 8,5/10

Röllchen (ich weiss nicht mehr was drin war): 8/10

Betelblätter mit Hummerfleisch: 10/10

Fisch-Irgendwas im Bananenblatt: 8/10

Klare Brühe mit Gegrillter Taube, Pilzen, Tapiokaperlen und Krabben: 10/10


Hauptspeisen: Na ja.

Frittierte Shrimps mit Kokos-Krebs-Sauce: 7,5/10

Ochsenschwanz-Curry: 7/10

Grüner Mangosalat mit Sauren Blättern und gegrilltem Schweinefleisch: 7,5/10

Gedämpfte Korallenforelle mit Bang Rak Gelben Bohnen und eingelegtem Knoblauch: 7,5/10

Nachspeisen: Ganz gut

Birne mit irgendwas süß-scharfem: 8/10

Obst: Naja, obst (unter anderem Cashew-Äpfel)

Gekochte Kokosmilch mit Obst und Reis und in Kokosmilch gekochtem Tapioka: 9/10

Irgendein Obst auf süßem Granita 6/10, die Kekse dazu waren aber toll

Ach und ein Cocktail, der TomYamTini heisst, und eben mit den Gewürzen einer Tom Yam Gung-Suppe gemacht ist. War ganz nett.

Danach geht es noch auf eine Skybar, in der man für den Blick bezahlt. Der ist nämlich fantastisch, die Cocktails sind so völlig überteuert und mittelmäßig.


Anschließend: Bett.

Ich wache auf und die Sonne brät. Heute werde ich tatsächlich nicht allzu viel tun. Ich gehe vor die Tür, um etwas zu essen, das mein lokaler Asia-Imbiss in der Schanze so auch hinkriegt und begebe mich spätnachmittags in die Stadt um meinen Chef zu treffen, der Geschäftlich seit einiger Zeit in Asien weilt. Wir trinken zunächst eine Kleinigkeit in einem französischen Restaurant, bevor wir die Straße herunter Thai essen gehen, denn meine Regel „nur lokales Essen während ich in Asien bin“ ist mehr oder weniger strikt.

Es gibt:

Trockene knusprige Rindfleischstreifen mit scharfer Sauce und Kräutern: 9/10

Würste, die aus fermentiertem Schweinefleisch gemacht werden (8,5/10) mit eingelegtem Ingwer (11/10)

Riesengarnelen in Curry: 8,5/10

Rindfleischstreifen mit Kräutern (weder das Foto ist scharf noch das Essen): 9/10

Gebratener Tofu (Auch nicht scharf): 7,5/10

Makrelen in Fischsauce: 6,5/10

Obst mit Erdbeergelee drin: 6/10


Insgesamt also eine tolle Sache und längst nicht so teuer wie Nahm.
Danach: Cocktail. Ich trinke einen Tom Ka Kai, die haben’s hier irgendwie mit ihren Suppen und daraus abgeleiteten Cocktails. Die Technik, den Drink in einer Plastiktüte abzufüllen, damit sie vom Eis gekühlt aber nicht verwässert werden, kann ich so allerdings nicht ganz empfehlen, das ist auf die letzten Tropfen eine ziemliche Schlürferei.

Am nächsten Tag: Treffen mit meinem Chef bei der UNO. Ich bin schon in der Stadt, um noch einmal tolle Fotos am Bahnhof zu machen. Unter anderem ist gerade ein Hochzeitspaar dabei, Fotos von sich machen zu lassen.

 

Dann bekomme ich die Nachricht: 14:30, Pass mitbringen und keine Sandalen!

Prima. Sandalen habe ich an, Pass nicht dabei. Ich fotografiere noch ein paar Minuten und schätze die Zeit, die man in dieser Stadt mit Verkehr zubringt, wieder einmal grandios falsch ein. Statt „eben zum Apartment, Pass holen, was essen, pünktlich dasein“ muss ich mir das Essen klemmen, teilweise mit dem Taxi fahren und schließlich durch den strömenden Regen rennen, um 45 Minuten zu spät am UNO-Gebäude anzukommen.

 

Nettes Gespräch, danach wieder eine kleine Fresskalation, denn mein Chef beschließt, dass ich „Giant River Prawns“ probieren muss. Wir sitzen am Fluss unweit der King Rama VIII Bridge

Und es gibt:

Satay-Spieße (7,5/10 aber die eingelegten Gurken dazu waren super)


Kokos-Smoothie (Enttäuschend)

Gemüse (Enttäuschend)

Crab Cakes mit Sauer-Scharfer Sauce (7/10)

Gegrillten Fisch mit süß-sauerer Sauce (7,5/10)

Giant River Prawns (8,5/10)

Alles in allem überteuert und touristisch aber andererseits auch jammern auf hohem Niveau.

Mit dem Taxi geht’s zurück zum Apartment, noch schnell packen und dann schlafen, ich muss um 3:30 Aufstehen und zum Flughafen, zwei Tage Bali!

Alles in Allem habe ich in Bangkok vor allem viel verpasst. Fotos machen, Dinge sehen. Touriviertel? Nicht mal in der Nähe gewesen. Andererseits erinnere ich mich noch gut an die Städte in Vietnam, und wie begeistert ich vom Leben auf den Straßen in Saigon (und auch Hanoi) ich war. Hier ist das irgendwie anders. Bangkok hat mich nicht umgehauen und nur in Teilen dieses Gefühl von „In der Fremde Wohlfühlen“ ausgelöst. Nach vier Tagen Saigon war ich bereit, dort hin zu ziehen. Nach vier Tagen Bangkok bin ich erstmal wieder ganz froh, weg zu sein…